Februar – ein Monat zum Streichen?

Februar – ein Monat zum Streichen?

Früher habe ich mich auf den Februar und auf die Skiferien gefreut.

Nicht nur auf das Skifahren.

Auf dieses Gefühl, dass der Winter noch einmal einen Höhepunkt bekommt.

Die Pisten.
Die Skihütten. Der Schümli-Pflümli.
Der Schwumm am späten Nachmittag.
Das Abendessen im Hotel.

Draussen die klare, schneidende Luft.
Der knirschende Schnee.
Die Sterne am Himmel.
Sonnencreme, Lippenpomade und Skischuhe, die drückten.

Und wenn ich dann zurück nach Hause kam, roch es schon ein bisschen nach Frühling.

Heute ist das anders.
Viele in meinem Umfeld fahren noch Ski – ich weiss das.
Doch für mich sind es zu viele Menschen auf den Pisten.
Zu viel Tempo.
Und ehrlich gesagt: zu viel Angst, dass etwas passiert.

Martin hatte im November seinen Bandscheibenvorfall.
Seitdem sehe ich Bewegung mit anderen Augen. Nicht als selbstverständlich.
Sondern als etwas, das plötzlich kippen kann.

Und bei Rös habe ich Angst, dass sie auf Glatteis stürzen könnte.
Ich weiss, wie schnell so etwas alles verändern kann.

Ich sage mir, dass das okay ist.
Dass ich ja gar nicht mehr so gerne fahre.
Dass der Hochnebel, der seit Monaten
grau, unbeweglich, wie ein Deckel über allem liegt, bald vorbei ist.

Und vielleicht ist es genau das,
was den Februar für mich zusätzlich schwer macht.

Aber manchmal frage ich mich schon: Was ist eigentlich aus meinem Februar geworden? Früher hatte er einen Zauber. Heute fühlt er sich wie ein Monat zum Streichen an.

Von mir aus könnte es nach dem Januar direkt Frühling werden.

Giulia bringt vegane Ostereili zum Familienbrunch - Foto im Tagebuch
Tante Rös’ Geburtstag und ein angeschossener Ober-Hirsch im Wohnzimmer

Tante Rös’ Geburtstag und ein angeschossener Ober-Hirsch im Wohnzimmer

Tante Rös hatte Geburtstag.

Martin bestand – wie immer – darauf, dass wir bei ihm feierten.
Mir war’s egal.

Ich überlegte kurz, ob ich diesmal einen supergesunden Fruchtsalat – wie Anneli an Ostern – mitbringen sollte. Ich hatte mir ja damals geschworen: Neuer Lifestyle, neues Ich. Nun ja. Es ist beim alten Lifestyle und somit auch beim obligaten Sonntags-Gugelhopf (diesmal fünf Minuten weniger gebacken, wie Rös es im Frühling gewünscht hatte) geblieben. Und für die Jungmannschaft habe ich einen veganen Lebkuchen gemacht.

Ich half Martin beim Vorbereiten.

Er wollte nur noch schnell einen Karton Wein aus dem Auto holen.
Dann hörte ich den Schrei.
Ich stellte den Stapel Teller ab.
Atmete tief durch.
Nein.
Einfach nein.
Draussen: Gestöhne, Gemurmel, die Stimmen der Nachbarn.
Dann der Satz, der mich innerlich kollabieren liess:

„Soll ich den Krankenwagen rufen?“

Zu zweit schleppten sie den Ober-Hirsch der Familie ins Wohnzimmer und legten ihn aufs Sofa.

Er röchelte: „Die Hexe, Giulia… die Hexe!“
Und da lag er nun – angeschossen von der Hexe höchstpersönlich.
Natürlich.
Natürlich passiert das heute.

An Tante Rös’ Geburtstag.

Ich entfernte Rös aus dem Familienchat und schrieb:

„Achtung @all! Planänderung! Martin hat Hexenschuss.
Wir müssen umdisponieren. Wer holt Rös ab?“
Zehn Sekunden später rief sie an:
„Giulia, ich bin aus dem Familienchat gefallen.“

Ich stellte mich doof: „Wahrscheinlich hast du das letzte Update nicht gemacht… Die Jungen schauen nachher!“

Zurück im Wohnzimmer.

Der angeschossene Hirsch wirkte so gar nicht wie jemand, der regelmässig im Fitnesscenter trainiert. Aber mir an Ostern sagen, dass ich langsam aufpassen müsse und mir ein bisschen Training nicht schaden würde. Und wer ist noch aufrecht??!?

Ich legte ihm eine Packung Schmerztabletten hin.

Er sah mich mit grossen, verzweifelten Augen an:
„Du kannst mich doch jetzt nicht hier liegen lassen?“
Familienchat:
„Wir gehen zum Italiener. Rös wird abgeholt.
Bis nachher! Gute Besserung an Martin.“
Aha. Wenn’s drauf ankommt, können sie plötzlich.
Martins Schmerzskala ist anders geeicht als meine.
Wenn ich Kopfschmerzen habe, mache ich mir einen Tee.
Wenn er Kopfschmerzen hat, googelt er „Hirnaneurysma“.
Und mein Tierarzt sagt immer:
„So schnell wird nicht gestorben.“
Also stellte ich ihm Mineralwasser hin, richtete das Kissen zurecht und sagte:

„Ich bin erreichbar, falls du tatsächlich stirbst.“

Dann fuhr ich los.

Schon von weitem sah ich die neue Tafel:
„Da Giuseppe.“
Ehrlich jetzt.
Das Universum hat einen speziellen Humor.
Sie warteten schon:
„Wir dachten, der Italiener ist eine gute Alternative zu Martin.
Und eine kleine Erinnerung an Rimini!“
Dünnes Eis.

Gaaaaaaanz dünnes Eis.

Beim Anstossen beugte sich Rös vor, viel zu leise:

„Giulia… du hast Rimini kaputt gemacht.“
Ich starrte sie an.
„BITTE?“
Sie seufzte:

„Wir wären nie ins ospedale gekommen, wenn du mich nicht ständig in den Schatten geschickt hättest… Mich genötigt hättest, Wasser zu trinken! Ich wollte einfach Ferien haben! Mit Anneli wäre das nie passiert!“

Aha. Ich spürte meinen Puls im Hals.

Sie klappte die Menükarte zu – einen Ticken zu laut, aber würdevoll.
Ich bin offiziell schuld.
An Rimini.
Am Kreislaufkollaps.
Am Bademeister.
Am Geburtstag.
Am Hexenschuss.

Am Universum.

Giuseppe erschien, strahlte und fragte, ob wir pronti seien.

Speisekarten sind emotionale Minenfelder.
Rös wählte eine Pizza Margherita.
Ich eine quattro formaggi.
Der Abend war sowieso gelaufen –

und da kam’s auf die Nacht nun wirklich nicht mehr an.

Kennst du das auch – diese Familienmomente, in denen plötzlich alles deine Schuld ist? Wie gehst du damit um? 

Giulia bringt vegane Ostereili zum Familienbrunch - Foto im Tagebuch
Ein teures JA mit Nebenwirkungen

Ein teures JA mit Nebenwirkungen

Seit Ostern hängt Martins blöde Bemerkung wie ein Schatten über mir. Verdirbt mir jedes Gipfeli, jeden Spritz und jede Stunde Strickzeit. 😫

Und kaum sitze ich wieder den ganzen Tag im Büro, melden sich Rücken und Nacken. Die Sommerhitze kann ich nicht mehr als Ausrede vorschieben – und im Grunde genommen hat Martin ja gar nicht so Unrecht.

Also habe ich mich überwunden und bin auf dem Heimweg in ein Fitnesscenter gegangen, um mich anzumelden. (Natürlich nicht in Martins Center!) 💪

„In deinem Zustand kannst du nicht einfach so ein Abo lösen – mach zuerst ein Probetraining. Das System geht gerade nicht, du musst den Termin online buchen!“ Ein Glückstag! Ich hab’s versucht und das Universum hat sich meiner erbarmt. Also nichts wie weg hier! Ich war drei Schritte vom Ausgang entfernt, da schallte es durch die Halle: „Heeeey! Es geeeht wieder! Morgen, 17 Uhr?“

Das Universum erbarmte sich meiner Gesundheit. 💫

Also ging ich am nächsten Tag hin, stellte mich unangenehmen Fragen (immerhin rauche ich nicht…) und wurde von einer jungen Trainerin, die so tat, als hätte sie mich verstanden, instruiert. Sie lobte mich ständig, parkierte mich dann aber zwischen Crosstrainer und Beinpresse und wandte sich bald jemandem zu, der mehr Testosteron zu bieten hatte als ich…

Ich tat brav, was man mir sagte – und war hauptsächlich damit beschäftigt, nicht von den Geräten zu fallen.

Zum Abschluss setzten wir uns an ein kleines Tischchen. Es gab einen Protein-Shake. Dazu schob sie mir einen Jahresvertrag und einen Kugelschreiber hin. ✍️

Ich ging nach Hause. Es rumorte in Kopf und Bauch – und zwei Stunden später sass ich auf der Toilette und überlegte, ob ich nun motiviert oder frustriert sein soll.

Genau in diesem Moment klingelte das Handy. Conny.

Sie schwärmte, sie habe gelesen, dass Stricken quasi ein Anti-Ageing-Mittel sei, weil es die Feinmotorik trainiere und die Nervenbahnen und das Gehirn  aktiviert. „Hast du nicht eine Strickanleitung für deine schönen Gästehandtücher? Ich will das auch probieren!“

„Ja, klar, Conny“, sagte ich. „Ich schreib’s dir ins Reine, so dass du drauskommst.“ Gut, dass ich inzwischen alles in meinen Jahresplaner schreibe ☝️ und nicht mehr auf lose Zettel, die ich dann nicht mehr finde.

Später schrieb ich Martin ein WhatsApp:

„Hab jetzt ein Abo im Fitnesscenter.“
Er antwortete mit einem 👍.

Und von Conny kam noch ein ❤️.

Und auf dem Tisch liegt jetzt der neongelbe Fitnesscenter-Badge wie ein Mahnmal neben meinem Strickzeug… 🙈

👉 Ganz ehrlich: Hast du auch schon mal ein Abo bezahlt und bist dann kaum hingegangen? Team „Abo zahlt sich aus“ 💪 oder Team „Sponsor“ 🙈 – wo gehörst du hin?
Giulia bringt vegane Ostereili zum Familienbrunch - Foto im Tagebuch
Back to work

Back to work

Ich bin wieder voll am Arbeiten. Das WhatsApp von Conny drehte vorletzte Woche die ganze Nacht seine Runden in meinem Kopf. Und die Hitze trug das ihrige dazu bei, dass ich nicht schlafen konnte und meine Gedanken die ganze Nacht im Büro waren. Ich hätte mir Anfang Sommer die Leinenbettwäsche doch leisten sollen…

Nachdem ich das dritte Gästehandtuch fertig gestrickt hatte, habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich beendete meine Ferien frühzeitig und stand am wahrscheinlich heissesten Tag des Jahres mit einem Sack Gipfeli um 9 Uhr im Büro: „Überraschung!!!“

Sie sahen mich an, als ob ich direkt vom Mars gekommen wäre.„Was machst denn du da???“

Wir tranken Kaffee, assen Gipfeli – und ich erzählte, was passiert war.

Sabines Augen wurden immer grösser:„Giulia! Sag mal, spinnst du? Beim besten Willen nicht… Nie und nimmer, das wär Horror für mich! Allein schon die Fahrerei! Dazu die Hitze, Tante Rös und das alles in der Hochsaison!“

Marion grinste: „Warum nicht, wenn sie bezahlt?“ (Hat sie natürlich nicht, aber das habe ich Marion natürlich nicht unter die Nase gerieben.)

Conny hob die Tasse und prostete mir zu „Giulia, für Tante Rös würd ich’s auch machen! Die beiden da sind so egoistisch! Wie geht’s ihr denn jetzt?“

Tante Rös geht’s bestens. Der Arzt meinte, sie sei wieder startklar! Und das war eindeutig die falsche Wortwahl…

Wir sassen noch eine Weile zusammen, redeten über Ferienbetrieb im Büro – und ich merkte: Meine Anwesenheit änderte hier nicht viel. Die Arbeit blieb viel, das Büro blieb heiss, ich hätte auch zu Hause bleiben können und ein viertes Gästehandtuch stricken.

Wir machten früher Schluss. Die Luft flimmerte, das Shirt klebte am Rücken, im Bus roch es nach Schweiss und Deo gleichzeitig – und die Einsicht kam: „Wie blöd bin ich eigentlich?“

(Aber die Idee mit den personalisierten Tassen als Weihnachtsgeschenke war seeeeeehr gut – meine stand nämlich sauber in der Teeküche!)

Und jetzt sag du: Bist du Team Sabine, Marion oder Conny?  Schreib’s in die Kommentare!

Giulia bringt vegane Ostereili zum Familienbrunch - Foto im Tagebuch
Den Stress wegstricken

Den Stress wegstricken

Alles ist wieder ausgepackt, die letzte Waschmaschine läuft. Ich mag es nicht, wenn meine Sachen nach Hotel riechen.

Eigentlich könnte ich mir noch ein paar schöne Tage machen, aber irgendwie komme ich nicht zur Ruhe. Und diese Hitze… Ich schlafe fast so schlecht wie in Rimini. Der Hund liegt platt auf dem kühlen Küchenboden. Ich scheuche ihn bei diesen Temperaturen nicht auf grosse Runden – letztes Jahr hat er sich auf den letzten Kilometern einer Wanderung auf dem heissen Asphalt Hitzeblasen an den Pfoten geholt!

Martin war heute mit Rös beim Hausarzt und ich warte auf News. Da ist mir wieder eingefallen, dass sie mir vor einiger Zeit einen ganzen Sack voller Garn gegeben hat. Sie habe keine Lust mehr zum Handarbeiten – das Gspüüri in den Fingern sei nicht mehr so wie früher und die Gelenke würden schnell schmerzen.

Gesucht, gefunden: Baumwollgarn in allen Farben und Stärken. Abwaschlümpen und Topflappen habe ich genug, also warum nicht Gästehandtücher stricken als kleines Anti-Stress-Projekt? Für Muster habe ich gerade keine Nerven, also einfache Rippli mit schönem Rand. Meditativ hin und her. 

Ich habe mir ein schattiges Plätzli eingerichtet, inkl. kalten Eiskaffee, die Füsse hochgelegt, Maschen- und Nadelprobe gemacht und mir Masche um Masche, Reihe um Reihe die letzten Tage nochmals durch den Kopf gehen lassen. Ich wusste von Anfang an, dass es keine gute Idee war – warum habe ich nicht nein gesagt?

Eigentlich ganz schön, dass ich jetzt ein paar geschenkte Tage für dolce far niente zu Hause habe. Ich stricke mir den ganzen Rimini-Stress einfach aus dem Kopf! Und dann das WhatsApp von Conny:

Hoi Giulia! Wir hoffen, du geniesst deine Ferien! Wo bleibt das versprochene Föteli vom Spritz mit Meer im Hintergrund??? Wir sind ein bisschen neidisch… Es ist soooooo heiss im Büro, wir sind nur zu dritt und versinken in Arbeit… Alle ausgeflogen! Bis nächste Woche! GLG Sabine, Marion & Conny

Und jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen.
Ich sah zwar meine Hände stricken, aber innerlich war ich schon ganz woanders…

Giulia bringt vegane Ostereili zum Familienbrunch - Foto im Tagebuch