Besorgungen für Tante Rös

Besorgungen für Tante Rös

Heute wachte ich mit schmerzenden Füssen auf. Muskelkater in den Füssen – vom gestrigen Spaziergang im Schnee? Das war ja keine Wanderung! Ich musste tatsächlich ein paar Schritte gehen, um mich einzulaufen. Ich werde alt…

Am Nachmittag habe ich für Tante Rös den gewünschten Nagellack geholt. Farbe 345: powderdream, wie immer. Übel, ganz übel. Hoffentlich wird die Farbe nie aus dem Sortiment genommen. Sonst habe ich ein Problem. Und dann die lilaen Slipeinlagen. Kein Wunder, dass Martin ihr die falschen gebracht hatte – diese Dinger haben mit normalen Slipeinlagen ja eigentlich nichts mehr zu tun. Während ich durch die Hygiene-Abteilung ging und dem Regal entlanglief, fiel mir einmal mehr einmal auf, wie gross das Angebot dieser „Lady“-Produkte eigentlich ist.

Monatshygiene und die Abteilung „sicher & diskret“ halten sich vom Platz her fast die Waage. Monatshygiene ist klar – aber wer braucht all diese „sicher & diskret“-Produkte? Wenn niemand sie bräuchte, wäre das Angebot ja nicht so riesig, oder?

Tante Rös spricht nie darüber. Sie braucht diese Produkte schon lange, und ich habe sie vor Jahren schon in ihrem Badezimmer gesehen. Sie ist eine stolze Frau, die nur ungern um Hilfe bittet – vor allem nicht bei solchen Themen. Ich habe sie nie gefragt und sie hat auch nie etwas erzählt. Über solche Sachen spricht man nicht. Aber ich weiss, dass sie sich schämt.

Das Thema liess mich nicht los. Abends sass ich am Laptop und googelte: Inkontinenz ist weiter verbreitet, als ich dachte. In der Schweiz geht man von 400’000 betroffenen Frauen und Männern aus – und wahrscheinlich gibt es noch eine hohe Dunkelziffer, weil das Thema so ein grosses Tabu ist.

Ich klappte den Laptop zu. Wie viele Menschen wohl nachts wachliegen und nicht darüber reden? Wahrscheinlich genauso viele wie die, die denken, dass sie die Einzigen sind. Ist das vererbbar? Bin ich da irgendwie vorbelastet? (-> abklären!)

Spaziergang im Schnee

Spaziergang im Schnee

Der Spaziergang heute war genau das, was ich gebraucht habe. Auch wenn es schlussendlich nicht viele Schritte gab und das Vorwärtskommen auf dem hartgetretenen Schnee mühsam war. Aber über der Nebeldecke, seit langem mal wieder die Sonne im Gesicht und der Hund glücklich im Schnee. Donnerstag – kein Mensch weit und breit! Durchatmen und die Ruhe geniessen. 

Bis mein Handy vibrierte. Tante Rös. Klar. Ich habe sie weggedrückt, wie so oft schon. Sie weiss, dass ich zurückrufe, wenn ich kann. Aber sie weiss auch, wie man hartnäckig bleibt.

Als das Handy zum 5. Mal vibrierte, nahm ich ab, immer noch auf dem Winterwanderweg. „Giulia, ich brauche dringend Slipeinlagen. Die lilaen. Und Nagellack. Du weisst ja welchen.“ Ich nickte automatisch, obwohl sie mich nicht sehen konnte.

Tante Rös ist in ihrer eigenen Welt unterwegs. Alles, was von der Norm abweicht, wird gleich zur Katastrophe. Und Martin fragen? Nein, das kommt nicht infrage, weil „der sowieso das falsche bringt“. Man(n) kann es sich auch einfach machen…  

Also versprach ich, dass ich Nachschub besorge. Dabei hatte ich den morgigen Tag eigentlich anders geplant. Tierarzttermin, Wocheneinkauf – aber jetzt muss ich umplanen, die lilaen Slipeinlagen und der richtige Nagellack liegen nicht auf meinem Weg.

Ich versuchte, nicht genervt zu klingen, als ich auflegte. Es ist schliesslich nur ein kleiner Gefallen. Und ich hatte ja versprochen, dass ich helfen will. Aber warum fühlt es sich an, als würde meine Zeit immer zwischen den Fingern zerrinnen, weil ich es jedem recht machen möchte?

Der Hund wälzte sich zufrieden im Schnee. Wenigstens wurde er heute nicht schmutzig. Irgendwie ein kleiner Trost.  

Ich schaute ihm zu und fragte mich: Wann habe ich das letzte Mal etwas für mich gemacht, ohne jemandem einen Gefallen zu tun oder meine Pläne über Bord zu werfen?

Der beste Tag, um zu starten, ist heute!

Der beste Tag, um zu starten, ist heute!

Eigentlich habe ich mir Anfang Jahr ja fest vorgenommen, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen. Bitzli journaling und so – damit ich besser schlafen kann. Heute ist der 4. Februar. Keine Dankbarkeit im Januar und keine besseren Nächte. Fangen wir also am 4. Februar damit an, vorerst als normales Tagebuch.

Heute war wieder so ein Tag. Nicht schlecht, nicht besonders gut. Einfach… ein Tag. Einer, der sich anfühlt, als wäre er vorbeigezogen, ohne dass ich wirklich dabei war.

Am Morgen war ich noch motiviert. Wirklich. Beim Kafi habe ich gedacht: „Heute habe ich alles im Griff. Ich mache Mealprep, ich bewege mich, ich lasse mich nicht ablenken.“ Ein kurzer Moment lang kam ich mir vor, wie die Frau, die ich eigentlich sein will.

Und dann kam die Realität. Ein Mail nach dem anderen. Ein Gespräch, das länger dauerte, als ich gedacht hatte. Der Nachmittag verflog, und irgendwann sass ich wieder am Schreibtisch und ass einen Schoggiriegel. Ich habe nicht mal gemerkt, wann ich ihn aufgemacht habe. Plötzlich war er da und schon halb weg.

Am Abend kam das schlechte Gewissen. Natürlich. Ich habe mich vor den Spiegel gestellt, meinen Bauch betrachtet, die enge Bluse ausgezogen und sie gegen einen gemütlichen Pulli getauscht. Verstecken. Mal wieder. Vor mir selbst.

Dann: Sofa, Fernseher, das Übliche. Die Katze lag neben mir und schnurrte und ich habe darüber nachgedacht, wie oft ich schon gesagt habe: „Ab morgen wird alles anders.“ Wie viele „Morgen“ brauche ich eigentlich noch? Und warum verliert dieses Tier dermassen viel Fell? Wann habe ich das Sofa das letzte Mal abgesaugt? Vor Weihnachten? Brauche ich einen besseren Staubsauger oder einen Putzplan?

Ich weiss, dass ich keine spezielle Schneeflocke bin. Aber das macht es auch nicht unbedingt besser. Es fühlt sich an, als wäre ich in einer Endlosschleife aus guten Vorsätzen und ewigem Versagen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich alles immer sofort perfekt machen will. Sobald ich einen kleinen Fehler mache – einen Snack, den ich „nicht sollte“, oder einen Tag ohne Bewegung – nerve ich mich und schmeisse innerlich alles hin. „Naja, heute ist sowieso gelaufen, kommt ja eh nicht mehr drauf an.“

Jetzt sitze ich hier, will seit dem 1. Januar eigentlich ein Dankbarkeitstagebuch schreiben und frage mich, ob ich jemals aus dieser Schleife rauskomme. Ob es irgendwann klick macht oder ob ich mich mein Leben lang im Kreis drehe und jedes Jahr ein paar Kilos schwerer werde.

Rein theoretisch könnte ich morgen ja neu anfangen. Theoretisch… Aber ich weiss echt nicht, ob morgen der richtige Tag dafür ist. Wahrscheinlich ja nicht.