Verpasste Chance

Verpasste Chance

Zwei Wochen lang lag ich komplett flach. Husten wie noch nie. Erst dachte ich, es sei eine harmlose Erkältung und dann war ich plötzlich richtig ausgeknockt. Ich war so dankbar, dass der Hund in den Garten macht… Ich hätte es nicht nach draussen geschafft. Nach einer Woche Dauerhusterei hat mein Beckenboden angefangen zu streiken – eigentlich kein Wunder, aber es hat mich trotzdem ein bisschen gestresst. Erholt sich der Beckenboden wieder?

In der dritten Woche war ich endlich wieder einigermassen auf den Beinen. So vieles war liegengeblieben! Ich habe mich durch Mails und Wäscheberge gearbeitet und dabei versucht, nicht nachzudenken, wie es mir eigentlich geht. Jetzt bin ich langsam wieder auf dem Damm. Ein bisschen angeschlagen noch mit sexy Stimme, aber immerhin.

Eigentlich wollte ich mich ja für den 4-Wochen-Kurs „Step by Step“ anmelden. Aber dann kam die Erkältung und ich dachte: „Bringt ja eh nix, wenn ich nicht fit bin.“ Jetzt ärgere ich mich. Ich habe gekniffen. Der Kurs war kostenfrei, ich hätte einfach mal reinschauen können und mitmachen, wie’s halt eben geht. Man „muss“ ja nicht.

Und jetzt? Jetzt habe ich den Anschluss verpasst.

Nach zwei Wochen Herumliegen schmerzt der Rücken. In die Physio getraue ich mich schon gar nicht mehr. Ich weiss ja, was der mir erzählt. Und ich weiss auch, dass ich wirklich in die Gänge kommen muss – aber ich kriege den Hintern nicht hoch. Und warum eigentlich nicht? Überall in meinem Bekanntenkreis geht’s los mit erhöhtem Blutdruck, Insulinresistenzen, künstlichen Kniegelenken, Gebärmuttersenkungen.

Manchmal träume ich nachts von Krankheits-Monstern, die mir in einem dunklen Wald auflauern und mich verfolgen. Gottseidank kann ich ihnen immer knapp entkommen. Hoffentlich träume ich nie, dass ich nicht mehr wegrennen kann.

Und am Tag? Da schiebe ich sie weit weg. Verdränge sie. Ist die Bedrohung noch zu weit entfernt, um mich wirklich in Bewegung zu bringen? Denke ich, dass es mich nicht treffen wird? Obwohl ich mich nicht um meine Gesundheit kümmere? Ich habe jedes Jahr ein Kilo mehr, keuche die Treppen hoch, kann mir knapp noch die Zehennägel schneiden und bin jedes Jahr froher, wenn der Sommer vorbei ist…

Schlimm. Ich muss wirklich in die Gänge kommen.

Giulias Traum von Krankheitsmonstern, die sie im Wald verfolgen
Ich wurde entdeckt!

Ich wurde entdeckt!

OMG!!! Nach nur sieben Beiträgen wurde ich auf Instragram gesehen!!! Ich habe heute Abend eine PN bekommen:

„Liebe Giulia, ich bin per Zufall auf dein Profil gestossen und dachte, ich schreibe dir mal. Eine Freundin von mir leitet diverse Homeoffice-Projekte, bei denen man Teilzeit mitarbeiten kann (ein paar Stunden pro Woche nur) und so viel Geld verdient. Sie sucht gerade nach Verstärkung. Vielleicht hast du Interesse, dir das einmal näher anzuschauen?“

Ich meine… das ist doch perfekt, oder? Ich könnte meine Zeit frei einteilen, arbeiten, wann und wo ich will. Kein Stress mehr mit dem Chef, keine festen Termine, keine langen Arbeitstage. Ich sehe mich schon in Rimini!

Und jetzt, wo ich darüber nachdenke – es war ein Zeichen, dass Tante Rös am Sonntag von Rimini gesprochen hat! Warum ausgerechnet jetzt? Das Universum schubst mich endlich in die richtige Richtung! Juhuuuu!

Morgens Cappuccino an der Bar, den Duft von frisch gebackenen Cornetti in der Nase. Neuigkeiten werden ausgetauscht und ich beobachte das geschäftige Treiben auf der Strasse. Am Nachmittag sitze ich mit dem Laptop in einer kleinen Strandbar, esse etwas fancy-gesundes, eine leichte Brise weht durch mein Haar, während ich entspannt meine paar Stunden Arbeit erledige.

Und am Abend? Die Strandpromenade! Ich schlendere durch die warme Sommernacht, mein weisses Sommerkleid schmiegt sich an meine Haut (jetzt noch winterfahl und und jede Delle unbarmherzig sichtbar – aber das wird sich ändern). Ich werde braun, schlank und unverschämt selbstbewusst sein. Was Tante Rös konnte, kann ich auch! Vielleicht treffe ich sogar einen Giuseppe.

Nicht den Giuseppe. Aber meinen Giuseppe. Einen, der mir von seiner Pizzeria erzählt – ein kleiner Familienbetrieb, charmant, aber ein bisschen in die Jahre gekommen. Und dann? Ich werde ihn heiraten. Und mit dem Geld, das ich durch mein neues Homeoffice-Projekt verdiene, werden wir die Pizzeria umbauen – bio, saisonal, km 0. Es wird die Pizzeria an der Adria.

Ich habe die Nachricht noch nicht beantwortet. Noch nicht. Ich will noch eine Nacht drüber schlafen. Ich will mir sicher sein, dass ich das nicht einfach wieder aus einer Laune heraus tue. Aber ehrlich gesagt… warum eigentlich nicht?

 

(Anmerkung: Giulia hat auf ihrem Instagram-Profil tatsächlich bereits nach 7 geposteten Beiträgen eine private Nachricht mit einem Angebot eines Multilevelmarketing-Unternehmen erhalten… Das grosse Geld mit einer 10-Stunden-Woche!)

Tante Rös kann WhatsApp

Tante Rös kann WhatsApp

Gestern und heute viel Arbeit. Zu viel. E-Mails, ein Anruf hier, ein Termin dort. Und trotzdem war mein Kopf noch halb bei Tante Rös. Ich weiss nicht, warum ich immer an Rimini denken muss. Warum hat sie mir ausgerechnet gestern davon erzählt? War sie ehrlich?

Ich überlegte hin und her, ob Martin braune oder schwarze Haare gehabt hatte, bevor seine Haare grau und schütter geworden sind. Ich kann mich echt nicht mehr daran erinnern. Und war da irgendetwas Italienisches an ihm?

Zwischendurch habe ich Tante Rös ein SMS geschickt und gefragt, ob sie noch Kontakt zu Anneli hat. Stunden später kam die Antwort: „jA“ – und kurz darauf ein Anruf. Tante Rös war kurz angebunden: Anneli gehe es gut und sie fahre sogar noch Auto!

„Trefft ihr euch manchmal?“ fragte ich.

„Warum willst du das wissen?“

„Ähm…“ Berechtigte Frage. Ich wusste es selbst nicht genau und eigentlich geht es mich auch nichts an.

Und dann kam etwas, was mich endgültig aus der Fassung brachte: Tante Rös kann WhatsApp schreiben. I mean…

Der nette junge Herr im Swisscom-Shop habe ihr das Abo geändert, das WhatsApp gratis eingerichtet und alles sehr geduldig erklärt. Und dem Anneli gleich auch, damit sie miteinander chatten können. WhatsApp! Sie und Anneli chatten regelmässig – eigentlich dauernd. Und zwar nicht nur ein „Guete Morge, alles ok?“, sondern lange Nachrichten über Gott und die Welt (und Rimini wahrscheinlich… )

Als ich sie darauf ansprach, sagte sie: „Mit dir kann ich das ja nicht, du hast nie Zeit“. Und dass ich dem Martin nichts sagen soll wegen dem teureren Handy-Abo. Und dann musste sie auflegen.

Ähm…

Über Mittag war ich kurz in der Stadt, um neue Schuhe zu kaufen. Wegen meiner Füsse. Die tun immer noch weh, und vielleicht liegt es auch daran, dass ich seit Jahren in denselben ausgelatschten Winterschuhen herumlaufe.

Aber natürlich habe ich nichts gefunden.

Zu Besuch bei Tante Rös

Zu Besuch bei Tante Rös

Heute bin ich zu Tante Rös, um ihr ihre Sachen und den Gugelhopf zu bringen. Ich wollte nur kurz vorbeischauen – aber sie nötigte mich zum Tee, weil sie den Gugelhopf nicht alleine essen wollte (mein Fehler, das nächste Mal Guetzli!).

Und ich habe etwas erfahren, das ich niemals erwartet hätte! Während sie an ihrem Tee nippte und den Gugelhopf lobte, bekam sie glänzende Augen und begann, von Rimini zu erzählen – Sommer ’63. Sie und ihre beste Freundin Anneli hatten zwei Wochen Urlaub in einem kleinen Zimmer gebucht, mit Blick auf den Strand wenn man sich fest aus dem Fenster lehnte.

Sie hatten sich das Geld mühsam zusammengespart: Babysitten, ein paar Näharbeiten. Zwei junge Frauen voller Träume. Tante Rös legte mir ihre Hand auf den Arm und flüsterte als ob es ein Staatsgeheimnis wäre: „Gleich am zweiten Abend haben wir ihn getroffen“! „WEN?“ flüsterte ich zurück und ich konnte mir bildlich vorstellen, wie sie mit Anneli der Strandpromenade entlang schlenderte. GIUSEPPE! Der Pizzaiolo mit den schwarzen Haaren und einem Lächeln, bei dem man vergisst, wie man atmet (O-Ton Tante Rös).

Sie seinen beide sofort in ihn verliebt gewesen, erzählte sie. Jeden Abend gingen sie in seine Pizzeria und bestellten Pizza Margherita – die günstigste. Sie hatten sogar gewettet, wer von ihnen zuerst eine Einladung zum gelato bekommt. Tante Rös hatte sich schon ein neues Sommerkleid gekauft, just in case.

Während ich ihr zuhörte, fing mein Kopf an zu rechnen. Sommer ’63. Giuseppe. Und Martin? Der hat doch Jahrgang ’64??? Ich schob den Gedanken weg, aber er war hartnäckig. Was, wenn Giuseppe mehr war als nur der Pizzaiolo von Rimini?

Am Ende stellte sich heraus, dass keine von ihnen „gewonnen“ hatte. Als sie erfuhren, dass Giuseppe längst der „fidanzato“ der Tochter des Hotelbesitzers war, sei das Anneli kurz vor einem Tränenausbruch gestanden und Tante Rös musste sie ins Zimmer bugsieren, damit es nicht peinlich wurde.

Ich musste lachen, als sie das erzählte. Es war so typisch für Tante Rös. „Aber Rimini war mehr als Giuseppe“, sagte sie mit erhobenem Zeigefinger. „Es war Freiheit. Sonne. Das Gefühl, dass einem die ganze Welt offensteht.“ Sie seufzte und dann sagte sie, dass der Gugelhopf ein bisschen zu lange im Ofen gewesen war. Fünf Minuten weniger wären optimal gewesen. Ich soll es mir aufschreiben, wenn ich zu Hause bin. Für’s nächste Mal.

Rezept Marmor-Gugelhopf (die halbe Menge passt perfekt für eine kleine Gugelhopf-Form wie im Bild)

Küchentag

Küchentag

Heute war wieder einer dieser Tage, an denen ich das Gefühl habe, nie fertig zu werden. Einkaufen (weil ich gestern ja nicht alles bekommen hatte), Recyclinghof, Wäsche, Haushalt. Dann die Küche: eine grosse Lasagne wie gewünscht und drei kleine für den Tiefkühler. Die sind ja sowieso immer grad wieder weg. Und Bolo.

Weil der Backofen schon heiss war, habe ich noch einen Zopf für morgen gemacht. Und einen Gugelhopf für Tante Rös. Während der Teig aufging, habe ich mich zweimal umgedreht und zack war der Nachmittag vorbei.

Chaos in der Küche – Mehl auf der Arbeitsfläche, schmutziges Geschirr überall. Am liebsten hätte ich alles stehen und liegen gelassen und wäre direkt ins Bett.

Und die Füsse… Schmerzen. Immer noch. Vom Schneespaziergang vorgestern? Kann das sein? Vielleicht Arthritis? Ich glaube, ich muss mir eingestehen, dass ich langsam nicht mehr so belastbar bin wie früher. Eigentlich wollte ich am Nachmittag noch ein bisschen stricken – aber wie immer war der Kopf lauter: „Mach noch dies, mach noch das.“ Ein Teufelskreis.

Aber wenigstens ist das Haus jetzt halbwegs sauber (abgesehen von der Küche) und es duftet nach frischem Zopf und Gugelhopf!

Manchmal frage ich mich, wie andere Frauen immer alles perfekt unter einen Hut bekommen…

Besorgungen für Tante Rös

Besorgungen für Tante Rös

Heute wachte ich mit schmerzenden Füssen auf. Muskelkater in den Füssen – vom gestrigen Spaziergang im Schnee? Das war ja keine Wanderung! Ich musste tatsächlich ein paar Schritte gehen, um mich einzulaufen. Ich werde alt…

Am Nachmittag habe ich für Tante Rös den gewünschten Nagellack geholt. Farbe 345: powderdream, wie immer. Übel, ganz übel. Hoffentlich wird die Farbe nie aus dem Sortiment genommen. Sonst habe ich ein Problem. Und dann die lilaen Slipeinlagen. Kein Wunder, dass Martin ihr die falschen gebracht hatte – diese Dinger haben mit normalen Slipeinlagen ja eigentlich nichts mehr zu tun. Während ich durch die Hygiene-Abteilung ging und dem Regal entlanglief, fiel mir einmal mehr einmal auf, wie gross das Angebot dieser „Lady“-Produkte eigentlich ist.

Monatshygiene und die Abteilung „sicher & diskret“ halten sich vom Platz her fast die Waage. Monatshygiene ist klar – aber wer braucht all diese „sicher & diskret“-Produkte? Wenn niemand sie bräuchte, wäre das Angebot ja nicht so riesig, oder?

Tante Rös spricht nie darüber. Sie braucht diese Produkte schon lange, und ich habe sie vor Jahren schon in ihrem Badezimmer gesehen. Sie ist eine stolze Frau, die nur ungern um Hilfe bittet – vor allem nicht bei solchen Themen. Ich habe sie nie gefragt und sie hat auch nie etwas erzählt. Über solche Sachen spricht man nicht. Aber ich weiss, dass sie sich schämt.

Das Thema liess mich nicht los. Abends sass ich am Laptop und googelte: Inkontinenz ist weiter verbreitet, als ich dachte. In der Schweiz geht man von 400’000 betroffenen Frauen und Männern aus – und wahrscheinlich gibt es noch eine hohe Dunkelziffer, weil das Thema so ein grosses Tabu ist.

Ich klappte den Laptop zu. Wie viele Menschen wohl nachts wachliegen und nicht darüber reden? Wahrscheinlich genauso viele wie die, die denken, dass sie die Einzigen sind. Ist das vererbbar? Bin ich da irgendwie vorbelastet? (-> abklären!)