Heute bin ich zu Tante Rös, um ihr ihre Sachen und den Gugelhopf zu bringen. Ich wollte nur kurz vorbeischauen – aber sie nötigte mich zum Tee, weil sie den Gugelhopf nicht alleine essen wollte (mein Fehler, das nächste Mal Guetzli!).
Und ich habe etwas erfahren, das ich niemals erwartet hätte! Während sie an ihrem Tee nippte und den Gugelhopf lobte, bekam sie glänzende Augen und begann, von Rimini zu erzählen – Sommer ’63. Sie und ihre beste Freundin Anneli hatten zwei Wochen Urlaub in einem kleinen Zimmer gebucht, mit Blick auf den Strand wenn man sich fest aus dem Fenster lehnte.
Sie hatten sich das Geld mühsam zusammengespart: Babysitten, ein paar Näharbeiten. Zwei junge Frauen voller Träume. Tante Rös legte mir ihre Hand auf den Arm und flüsterte als ob es ein Staatsgeheimnis wäre: „Gleich am zweiten Abend haben wir ihn getroffen“! „WEN?“ flüsterte ich zurück und ich konnte mir bildlich vorstellen, wie sie mit Anneli der Strandpromenade entlang schlenderte. GIUSEPPE! Der Pizzaiolo mit den schwarzen Haaren und einem Lächeln, bei dem man vergisst, wie man atmet (O-Ton Tante Rös).
Sie seinen beide sofort in ihn verliebt gewesen, erzählte sie. Jeden Abend gingen sie in seine Pizzeria und bestellten Pizza Margherita – die günstigste. Sie hatten sogar gewettet, wer von ihnen zuerst eine Einladung zum gelato bekommt. Tante Rös hatte sich schon ein neues Sommerkleid gekauft, just in case.
Während ich ihr zuhörte, fing mein Kopf an zu rechnen. Sommer ’63. Giuseppe. Und Martin? Der hat doch Jahrgang ’64??? Ich schob den Gedanken weg, aber er war hartnäckig. Was, wenn Giuseppe mehr war als nur der Pizzaiolo von Rimini?
Am Ende stellte sich heraus, dass keine von ihnen „gewonnen“ hatte. Als sie erfuhren, dass Giuseppe längst der „fidanzato“ der Tochter des Hotelbesitzers war, sei das Anneli kurz vor einem Tränenausbruch gestanden und Tante Rös musste sie ins Zimmer bugsieren, damit es nicht peinlich wurde.
Ich musste lachen, als sie das erzählte. Es war so typisch für Tante Rös. „Aber Rimini war mehr als Giuseppe“, sagte sie mit erhobenem Zeigefinger. „Es war Freiheit. Sonne. Das Gefühl, dass einem die ganze Welt offensteht.“ Sie seufzte und dann sagte sie, dass der Gugelhopf ein bisschen zu lange im Ofen gewesen war. Fünf Minuten weniger wären optimal gewesen. Ich soll es mir aufschreiben, wenn ich zu Hause bin. Für’s nächste Mal.
Rezept Marmor-Gugelhopf (die halbe Menge passt perfekt für eine kleine Gugelhopf-Form wie im Bild)

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