Hier kommt dein Juni-Brief von Giulia!

1. Juni 2026

Du Liebe

Ich weiss nicht, wie es dir geht, aber ich bin letzte Woche völlig unvorbereitet in den Sommer gelaufen.

Also nicht bildlich gesprochen.
Ganz praktisch.

Es war plötzlich dreissig Grad.

Nach den kalten und verregneten Tagen an Auffahrt hatte ich noch gedacht: „Ach schön, der Sommer kommt!“

In der Nacht lag ich dann wach, drehte das Kissen auf die kühle Seite, schob die Decke weg, zog sie wieder über ein Bein, stand auf, öffnete das Fenster, schloss es wieder, weil draussen irgendein Mensch um halb zwei offenbar noch sehr wichtige Dinge am Handy diskutieren musste, und dachte irgendwann nur noch:

So.
Jetzt ist also Sommer.

Am Morgen fühlte ich mich entsprechend frisch.

Und genau an diesem Morgen rief mich Tante Rös im Büro an.

„Giulia, kannst du mir bitte etwas besorgen?“

Natürlich konnte ich.

Rös wollte nicht selber gehen. Nicht bei dieser Hitze. Seit ihrem Zusammenbruch letztes Jahr in Rimini passt sie ein bisschen besser auf. Sie sagt das zwar so beiläufig, als ginge es um eine leicht empfindliche Zimmerpflanze, aber ich weiss noch genau, wie erschrocken wir damals alle waren.

Rös und ich in Rimini.
Rös, die sonst immer alles selber macht.
Rös, die behauptet, sie kenne die Hitze noch von früher und man müsse sich einfach nicht so anstellen.
Und dann die Auseinandersetzung mit dem Bademeister, Rös plötzlich kreidebleich im Sand und später im Pronto Soccorso.

Seither ist sie vorsichtiger.

„Ich gehe heute nicht raus“, sagte sie am Telefon. „Es ist mir zu heiss. Ich mach die Rolläden zu und lege die Füsse hoch bis der Herbst kommt!“

Sehr vernünftig.

Ich sagte natürlich: „Ja klar, ich mache das schnell.“

Schnell.

Dieses kleine Wort ist im Sommer gefährlich.

Ich hatte schlecht geschlafen, war leicht matschig im Kopf und hatte noch tausend Pendenzen im Haushalt und im Büro. Also dachte ich: Ich erledige zuerst alles im Büro, gehe über Mittag schnell für Rös einkaufen, bringe ihr die Sachen vorbei und mache danach noch den Rest.

Ein perfekter Plan.

Auf dem Papier.

In meinem Kopf war es ungefähr genau so warm wie draussen.

Kurz nach zwölf machte ich Schluss im Büro, nahm meine Tasche und den Einkaufszettel von Rös. Wasser nahm ich nicht mit, weil ich ja nicht lange weg sein würde. Einen Hut nahm ich auch nicht, weil ich ja nicht in die Wüste ging. Und richtige Schuhe zog ich auch nicht an, weil es ja nur ein paar Besorgungen waren.

Du merkst vielleicht: Ich war voller guter Argumente.
Leider waren es alles Argumente gegen meinen Körper.

Schon unten beim Haupteingang schlug mir die Wärme entgegen wie eine Wand.

Nicht wie ein laues Sommerlüftchen.
Nicht wie Ferien.
Mehr wie: „Guten Tag, ich bin die Hitze, unterschätze mich nicht.“

Der Asphalt flimmerte. Meine Tasche wurde nach ungefähr sieben Minuten doppelt so schwer. Mein Gesicht wurde heiss. Meine Gedanken wurden langsam. Und irgendwo zwischen Apotheke, Bäckerei und dem Laden, in dem Rös unbedingt genau diese eine Sorte Kräutertee wollte, begann ich zu verstehen, warum Rös zu Hause geblieben war.

Rös war nicht bequem.
Rös war schlau.

Ich hingegen stand im Laden vor dem Kühlregal und wusste plötzlich nicht mehr, ob ich Joghurt, Gurken oder einfach nur Schatten kaufen wollte.

Auf dem Rückweg zu Rös wurde ich hässig.

Nicht auf Rös.
Nicht richtig.

Mehr so auf alles.

Auf die Sonne.
Auf die Tasche.
Auf den Kräutertee.
Auf meine Wasserflasche, die im Büro stand.
Auf das aufgeheizte Auto.
Und vor allem auf meine eigene Idee, dass ich immer alles gleich machen könne, egal ob April, Juni oder Backofen.

Als ich bei Rös ankam, machte sie mir die Tür auf und schaute mich an.

„Wie siehst denn du aus?“

Das war sehr höflich formuliert.

Ich stellte die Tasche ab, setzte mich an ihren Küchentisch und bekam ein Glas Wasser, als wäre ich fünf Jahre alt und hätte beim Fangis übertrieben.

Rös sagte nichts.
Das war das Schlimmste.

Sie stellte einfach das Wasser vor mich hin, legte die Einkäufe weg, schloss die Store ein bisschen weiter und füllte mir mein Glas ein zweites Mal.

„Weisst du“, sagte sie nach einer Weile, „früher habe ich auch immer gedacht, ich müsse alles machen. Aber jetzt weiss ich, die Hitze fragt noch, ob du noch etwas zu erledigen hast. Die kommt einfach und schlägt zu.“

Da sass ich nun also. Glühend.
Bei Tante Rös.
Mit nassen Haaren im Nacken, klebender Hose und dem deutlichen Gefühl, dass ich von einer älteren Frau gerade auf sehr sanfte Art überholt worden war.

Und da musste ich lachen.

Weil ich gemerkt habe: Ich tue manchmal so, als hätte mein Körper keinen Sommerbetrieb.

Als müsste ich an heissen Tagen gleich funktionieren wie an kühlen Tagen.
Gleich schnell.
Gleich belastbar.
Gleich organisiert.
Gleich leistungsfähig.

Aber mein Körper weiss es besser.

Er wird langsamer.
Er braucht mehr Wasser.
Er will früher raus.
Er möchte Pausen.
Er möchte etwas Frisches essen, aber nicht nur zwei Salatblätter und eine Scheibe Melone.
Er möchte Bewegung, aber keine Expedition in die Sahara.

Und eigentlich ist das ja nicht kompliziert.

Ich müsste nicht alles streichen.
Ich müsste nicht sagen: „Jetzt ist Sommer, jetzt mache ich gar nichts mehr.“
Ich müsste nur anfangen, klüger zu planen.

Früher spazieren.
Kürzer trainieren.
Genug trinken.
Ein richtiges Mittagessen machen, auch wenn es kalt ist.
Die Beine zwischendurch hochlegen.
Die Mittagshitze nicht als persönliche Herausforderung betrachten.

Vielleicht ist genau das mein Juni-Thema.

Nicht aussteigen.
Anpassen.

Denn ich merke: Wenn ich alles so machen will wie immer, verliere ich mich schnell. Dann wird Bewegung anstrengend, Essen irgendwie zufällig, und am Abend bin ich müde, obwohl ich gar nicht so viel gemacht habe.

Aber wenn ich mit meinem Körper zusammenarbeite, wird es leichter.

Dann darf eine Bewegungseinheit kürzer sein.
Dann zählt auch ein Spaziergang am Morgen.
Dann ist ein kühler Atemzug im Schatten nicht Faulheit, sondern Fürsorge.
Dann ist ein einfacher Sommerteller mit Eiweiss, Gemüse, etwas Sättigendem und gutem Fett kein Verzicht, sondern Energie.

Ich glaube, ich muss diesen Sommer nicht beweisen, dass ich stark bin, indem ich mich durchbeisse.

Vielleicht bin ich stark, wenn ich rechtzeitig merke, was mir guttut.

Wenn ich früher losgehe.
Wenn ich Wasser mitnehme.
Wenn ich nicht warte, bis mein Kopf weichgekocht ist.
Wenn ich meine Routinen nicht aufgebe, sondern sommerfreundlich mache.

Rös hat übrigens am Nachmittag die Beine hochgelegt.

Ich auch.

Allerdings erst, nachdem ich zu Hause angekommen war und mich unter der kalten Dusche runtergekühlt hatte.

Der Juni erinnert mich daran:

An heissen Tagen zählt nicht, wie viel ich durchziehe.
Sondern dass ich gut mit meinem Körper zusammenarbeite.

Und falls ich es wieder vergesse, denke ich an Rös.
Wie sie vernünftig zu Hause bleibt, wie im Süden die Rolläden schliesst, Wasser trinkt und mir zeigt, wie Sommerbetrieb geht.

Herzlich,
Giulia