Hier kommt dein September-Brief von Giulia!

 1. September 2026

Du Liebe

Was für ein Wochenende!

Nach Wochen mit Hitze kam der grosse Knall. Nicht als normales Sommergewitter mit ein bisschen Donner und danach frischer Luft. Nein. Starkregen. Hagel. Wind. Ziegelstücke auf den Wegen, umgeknickte Bäume, zerstörte Gärten und Felder.

Und trotzdem habe ich am Samstag Morgen das Fenster aufgemacht und gedacht:

Endlich.

Die Luft war kühl.

Ich stand einen Moment einfach nur da, atmete tief ein und spürte, wie mein ganzer Körper aufatmete.

Der Sommer ist noch nicht vorbei. Natürlich nicht. Es ist erst Anfang September. Aber irgendetwas hat sich verändert. Die Nächte werden wieder angenehmer, morgens braucht man vielleicht schon eine dünne Jacke und draussen riecht es plötzlich nicht mehr nur nach Hitze und Staub.

Es riecht nach nasser Erde.
Nach Übergang.
Nach Herbst, der noch ein bisschen warten muss, aber schon vor der Tür steht.

Ich freute mich.
Und gleichzeitig tat mir all das leid, was der Hagel kaputt gemacht hatte. Am Abend
zuvor hatte ich noch gedacht, wie dringend wir den Regen brauchen. Und dann
kommt er endlich – und macht zuerst einmal ein ziemliches Durcheinander.

Vielleicht ist Veränderung manchmal genau so. Man wartet darauf. Man wünscht sie sich. Und wenn sie dann kommt, sieht sie nicht unbedingt so aus, wie man sie sich gewünscht hatte.

Früh am Samstag Morgen kam ein WhatsApp von Rös.

„Der Garten sieht furchtbar aus.“

Mehr nicht. Wie immer.
Ich wusste sofort, was das bedeutete. Jedenfalls glaubte ich, es zu wissen. Natürlich musste jemand helfen. Natürlich konnte Martin nicht. Sein Rücken macht ihm immer noch zu schaffen, und nach
seinem Bandscheibenvorfall ist Gartenarbeit ungefähr das Letzte, was er im
Moment brauchen kann.

Also blieb – logisch – ich. Wie immer.

Ich trank meinen Kaffee etwas schneller als geplant, zog alte Jeans an, suchte meine
Gartenhandschuhe und überlegte schon, wo bei Rös wohl die schlimmsten Schäden
sein würden. Die Rosen? Die Tomaten? Die Blumen vor der Terrasse? Vielleicht
musste ich zuerst die abgebrochenen Äste wegschaffen. Vielleicht brauchten wir Säcke. Vielleicht sollte ich gleich noch …

Du kennst das sicher. Noch bevor jemand überhaupt gefragt hat, ist im Kopf schon der komplette Einsatzplan fertig.

Als ich bei Rös ankam, stand vor dem Haus ein kleiner Anhänger. Im Garten arbeitete der Sohn vom Nachbarn. Er schnitt abgebrochene Äste klein und lud Grünzeug auf. Rös stand auf der Terrasse. Mit einer
Kaffeetasse. Sie sah mich an. Dann sah sie auf meine alten Jeans. Auf meine Gartenhandschuhe. Und wieder auf mich.

„Was machst denn du in diesem Outfit hier?“

Ich blieb stehen.

„Du hast doch geschrieben, dein Garten sieht furchtbar aus.“

„Ja“, sagte Rös.

Dann nahm sie einen Schluck Kaffee.

„Tut er auch.“

Ich wartete.

Sie offenbar nicht.

„Und?“, fragte ich irgendwann.

Rös sah mich an, als wäre nicht ihr Garten, sondern ich das eigentliche Rätsel.

„Der junge Herr da räumt das Gröbste weg. Sein Vater hat mir gestern Abend die Hilfe angeboten. Der Bursche hätte noch ein paar Pendenzen offen.“

Ich schaute zum Nachbarsjungen.

Er winkte.

Ich winkte zurück.

Mit meinen Gartenhandschuhen.

„Aber …“

Mehr fiel mir nicht ein.

Rös zog eine Augenbraue hoch.

„Aber was?“

Ja. Aber was eigentlich?

Rös hatte mir geschrieben, dass der Garten schlimm aussieht.

Sie hatte nicht geschrieben:
Giulia, komm sofort.

Sie hatte nicht geschrieben:
Ich brauche dich.

Sie hatte nicht geschrieben:
Du bist zuständig.

Das hatte alles ich ergänzt.
Ganz automatisch.
In meinem Kopf.
Ich hatte aus einer Nachricht eine Aufgabe gemacht. Aus einem
Problem meine Verantwortung.
Und aus Martins Rücken gleich noch den Beweis dafür, dass am Ende sowieso wieder alles an mir hängen würde.
Dabei hing überhaupt nichts an mir.
Nicht einmal der abgebrochene Ast neben dem Gartenweg.
Der lag inzwischen auf dem Anhänger.

Rös kam mit einer zweiten Tasse Kaffee.
„Jetzt bist du schon da. Trink einen Kaffee.“

Also setzte ich mich zu ihr auf die Terrasse.
Der Garten sah tatsächlich ziemlich traurig aus. Manches, worauf Rös den ganzen Sommer gewartet hatte, wurde innerhalb von ein paar Minuten zerstört.

Rös zeigte auf eine ziemlich zerzauste Staude: „Die kommt wieder.“

Dann auf einen Strauch.
„Der sowieso.“

Und bei den Tomaten meinte sie nur:„Jänu…“

Ich musste lachen.
„Du nimmst das erstaunlich gelassen.“

Rös zuckte mit den Schultern.
„Was soll ich machen?“

Auch wieder wahr.
Wir sassen eine Weile da.

Die Luft war kühl.
Der Garten roch nach Regen.
Und ich dachte darüber nach, wie schnell ich wieder in dieses alte Muster gerutscht
war.

Jemand hat ein Problem.
Ich sehe es.
Ich erkenne eine Lücke.
Und schon stehe ich innerlich mit den Gartenhandschuhen bereit.

Vielleicht habe ich in diesem Jahr einiges darüber gelernt, besser auf mich zu hören.
Darüber, meinen Körper nicht ständig zu übergehen. Pausen zu machen. Nicht
alles gross zu denken. Nicht jeden Tag mit Leistung zu füllen. Den Sommer auch einmal einfach Sommer sein zu lassen.

Aber vielleicht beginnt jetzt der schwierigere Teil:
Das alles nicht wieder zu vergessen.

Denn der Herbst kommt.
Die Ferien gehen zu Ende.
Die Kalender werden wieder voller.
Termine tauchen auf.
Menschen brauchen etwas.
Arbeit wartet.
Und ganz schnell ist man wieder dort, wo man schon immer war.

Vielleicht ist deshalb meine Frage für diesen September gar nicht:

Was muss ich jetzt wieder alles anfangen?

Sondern:

Was möchte ich aus diesem Sommer mitnehmen?

Die Leichtigkeit?
Den langsameren Rhythmus?
Die Spaziergänge, die auch zählen, wenn ich nicht schwitze?
Die Erkenntnis, dass mein Körper nicht jeden Tag gleich funktioniert?
Oder vielleicht diese kleine Pause zwischen einer Nachricht und meinem automatischen Gedanken:

Ich muss.

Vielleicht darf ich künftig zuerst fragen:

Muss ich wirklich?
Hat mich überhaupt jemand gefragt?

Und wenn ja:

Möchte ich das übernehmen?

Ich glaube nicht, dass ich plötzlich ein Mensch werde, der nie mehr hilft.
Das möchte ich auch gar nicht.
Ich helfe gern.
Ich kümmere mich gern.
Ich bin gern für Menschen da, die mir wichtig sind.

Aber vielleicht muss ich nicht mehr jedes Problem sehen und automatisch meinen Namen darunter schreiben.

Als ich später wieder nach Hause fuhr, lagen meine Gartenhandschuhe unbenutzt auf dem Beifahrersitz. Ich musste jedes Mal grinsen, wenn ich sie ansah. Vielleicht lasse ich die Gartenhandschuhe noch ein bisschen dort liegen und nehme genau das mit in diesen Herbst:

Nicht alles, was vor mir liegt, gehört automatisch zu mir… 

 

Herzlich,

Giulia