Hier kommt dein Juli-Brief von Giulia!

1. Juli 2026

Du Liebe

Gestern Morgen stand ich am offenen Fenster und hielt meine Kaffeetasse in der Hand.

Es war noch früh. So früh, dass die Luft noch kühl war und das Gras nach Gras roch. Ich hörte die Vögel. Und atmete tief durch.

Und genau in diesem Moment kam die Erinnerung.

Nicht als Bild zuerst. Mehr als Gefühl.

Sommerferien!

Allein dieses Wort öffnete etwas in mir.  Sommerferien – fünf Wochen, die kein Ende nahmen! Fünf schier endlose Wochen, in denen Regeln nicht mehr ganz so verbindlich waren. Morgen ohne Eile. Ein Buch, das ich schon am Frühstückstisch aufschlug. Nackte Füsse auf kühlen Platten. Nasse Haare auf den Schultern. Der Geruch von Sonnencreme, Gras und warmem Sand. Klebrige Finger vom Glacé. Mückenstiche. Andere Gerichte auf dem Teller und Abende, die so lang waren, dass niemand recht wusste, wann der Tag eigentlich aufgehört hatte.

Ich musste lächeln.

Nicht, weil früher alles besser war. Das war es nicht. Auch damals mussten zumindest die Füsse gewaschen werden, bevor es ins Bett ging. Aber etwas war damals selbstverständlich, das mir heute manchmal fehlt.

Leichtigkeit.

Nicht die Leichtigkeit, bei der alles einfach ist. Sondern die andere. Die, bei der nicht jede Minute gefüllt und geplant sein muss. Die, bei der ein Tag auch dann gelungen sein darf, wenn nichts Besonderes passiert und nicht alles erledigt ist. Die, bei der ich vergesse, dauernd im Tun zu sein.

Ich stellte die Tasse auf das Fenstersims und atmete tief ein.

Vielleicht ist diese Leichtigkeit gar nicht verschwunden. Vielleicht liegt sie nur begraben unter Terminen, Verantwortung, Einkaufslisten, Nachrichten, Erwartungen und all den Dingen, die ich als erwachsene Frau selbst in den Ferien eben im Kopf behalte.

Vielleicht darf ich mich einfach erinnern.

Ich erinnere mich daran, wie es war, barfuss zu laufen, ohne darüber nachzudenken, ob das jetzt gesund, sinnvoll oder effizient ist. Ich erinnere mich an Wasser auf der Haut, an staubige Wanderwege, an Bücher, die nach Bibliothek rochen, an dieses Gefühl, wenn ein Tag offen vor mir lag und noch alles möglich war.

Heute ist der Sommer nicht mehr endlos.

Heute gibt es Termine, Arbeit, Wäsche, Nachrichten, Verpflichtungen und diesen kleinen inneren Antreiber, der immer noch etwas erledigen möchte. Heute weiss ich, dass fünf Wochen schnell vergehen können. Dass ein freier Nachmittag kostbar ist. Dass man Pausen manchmal bewusst eintragen muss, damit sie nicht einfach vergessen gehen.

Gerade weil wir heute wissen, dass der Sommer nicht endlos ist, reicht vielleicht ein Moment.

Ein Kaffee am offenen Fenster.
Ein tiefer Atemzug, bevor der Tag mich ganz in Beschlag nimmt.
Ein paar Minuten mit nackten Füssen im Gras.
Ein Buch im Schatten.
Der Duft von Sonnencreme.
Ein Glacé ohne schlechtes Gewissen.
Ein Abend, an dem ich nicht sofort wieder aufstehe, nur weil irgendwo noch etwas herumliegt.

Vielleicht ist Leichtigkeit heute nicht mehr das grosse Feriengefühl von damals.

Vielleicht ist sie kleiner geworden.

Aber nicht weniger wertvoll.

Vielleicht zeigt sie sich heute in den Momenten, in denen ich nicht funktioniere, sondern einfach da bin. In denen ich etwas tue, nur weil es mir guttut. In denen ich nicht frage, ob es etwas bringt. In denen ich mir erlaube, den Sommer nicht nur zu organisieren, sondern ihn auch zu spüren – so wie früher.

Ich beschloss, mir diese verloren gegangene Leichtigkeit wieder ein bisschen zurückzuholen.

Ferien-Feeling. Nicht-Müssen. Geschehen lassen. Geniessen. Und mit schmutzigen Füssen ins Bett.


Herzlich,
Giulia