Hier kommt dein November-Brief von Giulia!

 1. November 2026

Du Liebe

Mein Strickprojekt ist fertig. Viel schneller, als ich gedacht hatte. Vielleicht auch deshalb, weil ich dieses Mal tatsächlich daran weitergestrickt habe, statt es jedes Mal aus der Hand zu legen, sobald irgendwo etwas anderes nach mir gerufen hat.

Und natürlich habe ich bereits wieder neue Wolle gekauft. Ja. Ich weiss.

Ich hätte noch Wolle gehabt. Sogar ziemlich viel. Aber nicht die richtige. Falls du strickst, muss ich dir das nicht erklären. 😉

Das neue Projekt liegt jetzt jedenfalls auf dem Sofa und wartet auf einen dieser langen Novemberabende, auf die ich mich dieses Jahr erstaunlicherweise richtig freue. Nach diesem endlosen Sommer, der Hitze, dem Garten, dem vielen Draussensein fühlt es sich gut an, dass das Leben wieder ein bisschen mehr nach drinnen rückt.

Die Tage werden kürzer. Am Abend wird es früh dunkel. Draussen wird es stiller. Und irgendwie werde auch ich stiller. Früher mochte ich den November nicht besonders. Er ist kein richtiger Herbst mehr und noch kein Winter. Die bunten Blätter sind irgendwann weg, morgens wird es manchmal gar nicht richtig hell und spätestens nach drei grauen Tagen bekomme ich Sehnsucht nach Sonne.

Der Oktober hat wenigstens noch Farben.
Und der Dezember hat Lichter.
Aber der November?
Der steht irgendwie dazwischen.
Vielleicht ist genau das sein Geschenk.
Eine Pause.

Ein paar Wochen zwischen dem lauten, bunten Sommerhalbjahr und allem, was im Dezember kommt.
Noch keine Weihnachtsessen.
Noch keine Geschenke.
Noch keine Guetzli.
Noch keine Lichterketten.
Noch kein „Wir müssen unbedingt noch …“
Einfach November.

Ich merke, wie gut mir dieser Gedanke gefällt. Nicht jede freie Stelle muss sofort wieder gefüllt werden.

Offenbar bedeutet persönliche Entwicklung nicht, dass ich plötzlich zu einem völlig neuen Menschen werde. Vielleicht muss ich das auch gar nicht. Vielleicht geht es vielmehr darum, besser unterscheiden zu lernen:

Was füllt meine Zeit – und was erfüllt sie?

Stricken erfüllt sie.
Ein Spaziergang an einem grauen Nachmittag auch.
Etwas Warmes kochen und danach noch eine Weile am Tisch sitzen bleiben.
Ein Telefongespräch, bei dem ich wirklich Zeit habe zuzuhören.
Ein Abend auf dem Sofa.
Ein Buch.
Eine Tasse Kaffee, die ich tatsächlich warm austrinke.
Vielleicht ist das meine Art von Quality Time.
Nicht unbedingt spektakulär.
Aber Zeit, nach der ich mich nicht frage, wo sie eigentlich geblieben ist.

Und dann gibt es die andere Sorte.
Die Dinge, die sich unbemerkt in meinen Kalender und meinen Kopf schieben.
Kleine Verpflichtungen. Dinge, die ich noch schnell erledigen könnte. Sachen, um die sich sonst vielleicht niemand kümmert.

Und natürlich merke ich gerade, dass sich da bereits ein ziemlich grosser Gedanke am Horizont anschleicht.

Weihnachten.
Noch ist es weit weg.
Aber ich weiss genau, was passieren wird.
Spätestens Mitte November ruft Martin an.
Er wird diesen einen Satz sagen. Diesen Satz, der so viel Konfliktpotential in sich birgt wie kein anderer:

„Giulia, wir müssten langsam Weihnachten besprechen.“

Und schon öffnet sich in meinem Kopf eine Liste.
Wer kommt?
Wann?
Was essen wir?
Wer holt Rös?
Wer bringt was mit?
Hat nicht irgendjemand letztes Jahr irgendetwas nicht vertragen?
Brauchen wir wieder dieses spezielle Brot?

Und wer denkt eigentlich daran, dass Martin zwar grossartig darin ist, den besten Wein zu organisieren, aber an ungefähr alles andere erst am 23. Dezember denkt?

Du ahnst es. Ich.
Normalerweise jedenfalls.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, macht mir der Gedanke daran jetzt schon ein kleines bisschen Bauchweh.
Nicht, weil ich Weihnachten nicht mag.
Ich mag Weihnachten.

Ich mag Kerzen. Gutes Essen. Schöne Musik. Martins besten Wein. Und ich mag diesen Moment, wenn irgendwann alle angekommen sind und für eine Weile tatsächlich nichts mehr organisiert werden muss.

Nur der Weg dorthin …
In den letzten Jahren bin ich mir auf dem Weg dorthin manchmal ein bisschen abhandengekommen.

Und deshalb möchte ich dieses Jahr etwas anders machen.
Noch weiss ich nicht, was.
Ich werde Weihnachten nicht abschaffen.
Ich werde auch nicht nach Thailand fliegen und mein Handy ausschalten.

Was ich aber tun möchte:
Ich möchte mir vor Martins Anruf Gedanken machen.
Nicht darüber, was wir essen.
Nicht darüber, was ich schenken könnte.
Und auch nicht darüber, wer wann wo sein soll.
Sondern über eine ganz andere Frage:

Wie möchte ich mich an Weihnachten fühlen?

Ich weiss die Antwort noch nicht.
Vielleicht entspannt.
Vielleicht verbunden.
Vielleicht frei.
Vielleicht möchte ich einfach am Weihnachtsabend noch genug Energie haben, um ihn tatsächlich zu erleben – statt nur froh zu sein, dass alles geklappt hat.

Darüber werde ich im November nachdenken. Aber nicht heute. Heute ist der 1. November.

Und bevor das Jahr noch einmal Anlauf nimmt für seinen grossen Endspurt, möchte ich diese paar Wochen dazwischen nicht einfach überspringen.

Ich möchte rausgehen, solange es hell ist. Mich bewegen, weil es meinem Körper guttut – nicht weil vor Weihnachten noch irgendetwas wegtrainiert werden müsste. Etwas Warmes essen. Schlafen, wenn ich müde bin.

Herzlich, Giulia