Hier kommt dein Oktober-Brief von Giulia!

O1. Oktober 2026

Du Liebe

Ich glaube, ich habe mich noch nie so sehr auf einen verregneten Herbstnachmittag gefreut wie dieses Jahr. Nach all den Wochen draussen, im Garten, unterwegs, in der Hitze, mit offenen Fenstern, nackten Füssen und dem Gefühl, jeden schönen Tag unbedingt nutzen zu müssen, freue ich mich nun so sehr auf die Zeit drinnen.

Auf Tee. Auf das Sofa. Auf eine Decke über den Beinen. Und aufs Stricken! Ich habe nämlich eines meiner angefangenen Strickprojekte wiedergefunden. Den Pembroke-Scarf – eine Strickanleitung, auf die ich  letzten Herbst gestossen bin. Ein Projekt, bei dem man nicht viel studieren muss und einfach stricken kann so lange das Garn reicht. Perfekt! Solche Anleitungen mag ich! Andrea erzählt die ganze Geschichte hinter dem Pembroke-Scarf gerade auf ihrem Blog – und irgendwie spielt plötzlich auch ein walisisches Früchtebrot eine Rolle.

Den ersten Schal, den ich letzten Herbst gestrickt hatte, hat mir Rös beim ersten Tragen gleich abgeknöpft. Weil ihr die Farben besser stehen als mir. Sie hatte nicht ganz unrecht und der zweite in «meinen» Farben war schnell gestrickt. Den habe ich den ganzen Winter fast täglich getragen! 

Den dritten habe ich angefangen, ein gutes Stück gestrickt – und dann kam der Frühling und das Projekt verschwand in einem Korb. Nicht, weil ich keine Lust mehr darauf hatte. Es kam einfach ständig etwas dazwischen. Du kennst das sicher.

Man setzt sich hin, freut sich auf eine ruhige halbe Stunde, und kaum hat man angefangen, fällt einem noch etwas ein. Oder jemand ruft an. Oder irgendwo wartet etwas, das scheinbar wichtiger ist. Und dann ist es plötzlich zu warm, um an einem Schal zu stricken.

Am letzten Sonntag habe ich mich an den Schal erinnert und mich in einer ruhigen Minute aufs Sofa gesetzt. Auf’s Sofa, ja. Obwohl es draussen so schön war. Ich nahm die Nadeln in die Hand und musste zuerst einmal herauszufinden, wo ich überhaupt stehen geblieben war. Vorder- oder Rückseite? Und wie ging der schöne Rand noch mal? Nach ein paar Reihen war ich wieder drin.

Neben mir stand eine Tasse Tee und ich dachte: Genau darauf habe ich mich so gefreut! Nicht auf ein neues Projekt. Nicht auf etwas Grosses. Einfach darauf, wieder etwas aufzunehmen, das mir Freude macht. Und es diesmal sogar fertig zu machen.

Genau in diesem Moment klingelte das Handy: Martin.

Mein erster Reflex war so schnell, dass ich ihn beinahe gar nicht bemerkt hätte. Nadeln hinlegen. Telefon nehmen. Rangehen. Wie man das halt so macht.

Aber dieses Mal schaute ich auf mein Strickzeug: Ich war mitten in der Reihe.

Und plötzlich dachte ich: Nein. Ich stricke jetzt zuerst diese Reihe fertig.

Nicht: Martin soll mich in Ruhe lassen.

Nicht: Immer wollen alle etwas von mir.

Nicht: Jetzt bin endlich ich dran!

Gar nichts Dramatisches.

Nur: Diese Reihe stricke ich noch fertig. Martin kann fünf Minuten warten. Also liess ich das Telefon klingeln. Rechte Maschen. Weiter. Und während ich strickte, musste ich lächeln. Wie lächerlich klein diese Sache eigentlich war. Fünf Minuten. Eine einzige Strickreihe. Und trotzdem fühlte es sich fast ein bisschen verboten an. Vielleicht, weil ich plötzlich realisierte, wie oft ich Dinge, die ich gerade für mich tue, unterbreche.

Ein Anruf.

Eine Nachricht.

Eine Bitte.

Etwas, das noch erledigt werden sollte.

Und schon stehe ich auf. Als wären meine eigenen Dinge grundsätzlich ver- schiebbar. Vielleicht ist genau das etwas, was ich aus diesem Jahr mitnehmen möchte. Nicht, dass ich ab jetzt niemandem mehr helfe. Nicht, dass ich jedes Mal Nein sage.

Aber vielleicht muss ich auch nicht jedes Mal sofort Ja sagen.

Vielleicht darf zwischen einer Frage und meiner Antwort ein kleiner Moment liegen. Ein Moment, in dem ich kurz bei mir bleibe. In dem ich mich frage: Passt das für mich? Möchte ich das? Wann passt es für mich?

Und manchmal reicht dieser Moment vielleicht gerade für eine Strickreihe.

Ich glaube, ich habe viel zu lange gedacht, dass ich mir Zeit für mich irgendwo freischaufeln muss. Eine Stunde Selfcare. Einen freien Nachmittag. Ein Wochenende ohne Verpflichtungen. Dabei beginnt es viel kleiner. Bei fünf Minuten, die ich mir nicht sofort wieder wegnehmen lasse. Bei einer Tasse Tee, die ich austrinke, solange sie noch warm ist. Bei einem Spaziergang, den ich nicht abkürze, nur weil noch etwas erledigt werden müsste. Oder eben bei einer Reihe, die ich fertig stricke, bevor ich zurückrufe.

Vielleicht bekommen Dinge, die mir guttun, so langsam einen festen Platz in meinem Alltag. Nicht mit einem grossen Vorsatz. Sondern Masche für Masche. Und wer weiss. Vielleicht wird mein angefangenes Projekt dieses Jahr ja tatsächlich noch fertig!

Herzlich,

Giulia